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22.12.09
Zwangsarbeit und Industrie in Düsseldorf und der 60. Jahrestag der
Befreiung Deutschlands von dem faschistischen Hitler-Regime
Rede von Gisela Blomberg am
08.05.2005 in Düsseldorf, auf dem Russischen Ehrenfriedhof "Am
Gallberg"
Wir feiern heute den 60. Jahrestag der Befreiung Deutschlands von
dem faschistischen Hitler Regime. Beendet werden konnten die
Verbrechen dieses Regimes, welches 55 Millionen Menschen in den Tod
trieb, nur durch die Rote Armee, die seit 1941 mit großen Opfern
gegen die Wehrmacht kämpfte, und durch die West-Alliierten, die ab
1944 die 2. Front eröffnet hatten.
Die deutschen Widerstandsaktivitäten, in den ersten Jahren nach
33 hauptsächlich von der Arbeiterbewegung getragen, reichten bei
allem Mut und Opferbereitschaft nicht aus, dieses verbrecherische
Regime zu Fall zu bringen.
Aber nur eine Minderheit der Deutschen empfand damals den 08. Mai
als eine Befreiung. Für den größten Teil der deutschen
Bevölkerung. war er das Kriegsende, und damit verbunden waren der
Kampf um das tägliche Überleben und die Angst vor den Repressionen
durch die Siegermächte.
Für die Gegner des faschistischen Regimes war der 08. Mai auf
jeden Fall eine Befreiung.
Für Millionen von Menschen kam diese Befreiung allerdings zu
spät, wie auch für die hier liegenden sowjetischen
Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter.
Als gefangen genommene Angehörige der Roten Armee wurden sie
nach Deutschland verschleppt und zu gefährlichen Arbeiten und einem
menschenunwürdigem Leben gezwungen. Aber auch als Deportierte, -
plötzlich gewaltsam aus ihrem bisherigen Leben und Familien
herausgerissene junge Menschen wurden hier in Arbeitslager gesteckt.
Von den mehr als 14 bis 15 Millionen Zwangsarbeiterinnen und
Zwangsarbeitern(1) waren ca. 10 Millionen verschleppte Zivilistinnen
und Zivilisten aus den von Deutschland besetzten Ländern, und auch
KZ-Häftlinge wurden zur Arbeit bes. in der Rüstungsindustrie
gezwungen. Zwangsarbeit im faschistischen Deutschland bedeutete: ein
Leben ohne Rechte, Hunger, menschenunwürdige Unterbringung und
Arbeit zu Pfenniglöhnen - wenn überhaupt - d.h. Zwangsarbeit war
Ausbeutung bis zur Erschöpfung wenn nicht sogar bis zur
Vernichtung, Hunderttausende haben diese Zwangsarbeit nicht
überlebt.
Das
Düsseldorfer Kaufhaus Carsch wurde schon ab 1933 arisiert
Die Besitzer wurden nie
entschädigt
Das Kaufhaus Gustav Carsch & Co. wurde 1915 von Paul
Carsch als Fachgeschäft für exklusive Knaben- und
Herrenbekleidung gegründet. Architekt des imposanten
Kaufhausbaus war Otto Engler.
Schon im März 1933 - d.h. einen
Monat vor der reichweiten Boykottaktion gegen Geschäfte mit
jüdischen Inhabern - organisierte Gauleiter Florian in
Düsseldorf die ersten Blockadeaktionen "Kauft nicht bei
Juden", so auch vor dem "Carsch Haus". Im
September 1933 sah sich Paul Carsch unter dem faschistischen
Druck gewzungen, das Kaufhaus seinem Prokuristen Fritz
Seiffert zu "verkaufen". Seifert sollte an Bella und
Paul Carsch im Monat eine Rente in Höhe von 1.500 Reichsmark
und an den Sohn Walter 1.000 Reichsmark bezahlten. Alle
jüdischen MitarbeiterInnen wurden so schnell wie möglich
entlassen.
Nachdem Bella und Paul Carsch die Flucht in die
Niederlande gelang, stellte Seiffert die Zahlungen schnell
ein, das exklusive und renommierte Kaufhaus hatte er zum
Nulltarif bekommen.
Ab 1942 lebten Bella und Paul in einem
Versteck in Amsterdam, dem Sohn gelang die Flucht in die USA.
Paul Carsch starb 1951 in Amsterdam, ohne eine Entschädigung
erhalten zu haben.
Nach Beendigung des Krieges wurde das Carschhaus als Sitz
der Volkshochschule und des Internationalen Kulturzentrums
"Die Brücke" genutzt.
Als das Gebäude im Zuge des
U-Bahn Baus abgerissen werden sollte, finanzierte die Horten
AG die Versetzung des gesamten Gebäudes und richtete 1984
wieder ein exklusives Kaufhaus ein.
Heute gehört das Kaufhaus
zur Kaufhof AG.
Gisela Blomberg, Düsseldorf, Dezember 2009 |
Für die deutschen Firmen hat sich die Ausbeutung der
Zwangsarbeiter auf jeden Fall gelohnt, nur so konnten die
Waffenproduktion und die hohen Profite der Rüstungsbetriebe
gesichert werden. Die Beschäftigung von Zwangarbeitern war
ausgesprochen rentabel, der Gewinn war um das 1,5 fache höher als
bei den normalen Arbeitsverhältnissen. Die verschärfte Ausbeutung
von Zwangsarbeitern ermöglichte neben der Kriegsproduktion auch
noch eine Steigerung der Investitionsgüterproduktion, mit der
Folge, dass sich das gesamte Bruttoanlagenvermögen in der Zeit von
1935 bis 1945 um 20%, nach Abzug der Reparationen immerhin noch um
11% erhöhte. Die Basis für den Wiederaufschwung nach dem Krieg
wurde also über die ausbeuterische Zwangsarbeit geschaffen.(2)
In Düsseldorf wurden über 35.000 Zwangsarbeiter beschäftigt,
zunächst in der Landwirtschaft, danach in fast allen
Wirtschaftszweigen, besonders aber in den Rüstungsbetrieben, wie.
z.B. bei Rheinmetall. So waren 1944 27% aller Erwerbstätigen
Zwangsarbeiter.(3)
Ab 43 wurden zu den gefährlichen Aufräumarbeiten nach den
Bombenangriffen, wozu auch das Entschärfen von nicht gezündeten
Bomben gehörte, fast ausschließlich Zwangsarbeiter
herangezogen.(4) Mindestens 300 von ihnen sind dabei ums Leben
gekommen. Während der Bombenangriffe war den Zwangsarbeitern der
Zutritt zu den Bunkern verweigert.
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Der NS-Musterbetrieb
Henkel
„Ausbeutung besetzter
Gebiete“ und der Zwangsarbeiter
Die Firma Henkel & Cie wurde 1876 von dem Kaufmann
Fritz Henkel und seinen Partnern Otto Dicker und Otto Scheffer
zur Herstellung eines Waschmittels auf Wasserglasbasis
gegründet. 1878 erfolgte der Umzug nach Düsseldorf erfolgte
und 1907 wurde mit der Produktion von Persil begonnen.
1933 - 1945
Henkel entwickelte sich zu einem
nationalsozialistischen.Musterbetrieb. Über das Gesetz zur
Ordnung der Arbeit aus dem Jahre 1934 wurde festgelegt, dass
der Betriebsführer und die Gefolgschaft eine
Betriebsgemeinschaft bilden. Gewerkschaften wurden
zerschlagen. Hugo Henkel, der Betriebsführer traf die
Entscheidungen "zum Wohle der Gefolgschaft", die
ihrerseits dem Betrieb zur Treue verpflichtet war, so auch zur
Teilnahme an den Betriebsappellen der Deutschen Arbeitsfront
(DAF). "Der Geist der Gefolgschaft, ihre kämpferische
Haltung und Einsatzbereitschaft für den Nationalsozialismus
[wurden] besonders gewürdigt" und mit Sozialleistungen
wie Altersversorgung, Ausbildungswesen, Kinderfürsorge etc.
belohnt,
Laut der Firmenchronik "Menschen und Marken"
hatte die Familie Henkel von Anfang an ein
"getrübtes" Verhältnis zu den Nationalsozialisten,
dieses hinderte Hugo Henkel aber nicht daran, im März 1933
der NSDAP beizutreten und am 16. Mai 1934 wurde Hugo Henkel
auf Vorschlag des Gauleiter Karl Florians vom
Regierungspräsidenten für acht Jahre zum Mitglied des
Gemeinderats der Stadt Düsseldorf ernannt. Henkel, der bei
Amtantritt den Eid ablegte, dass er dem Führer des deutschen
Reiches, Adolf Hitler, treu und gehorsam sein werde",
blieb bis 1942 im Gemeinderat.
Alle Mitglieder des Aufsichtsrat der Firma Henkel und bis
auf 2 Ausnahmen auch des Vorstands traten in die NSDAP ein.
Henkel & Cie. beteiligte sich nach eigener
Einschätzung "in umfassender Weise an den Aufgaben des
Vierjahresplans", das explizite Ziel des Vierjahresplan,
über Aufrüstung und Herstellung der Autarkie die deutsche
Wirtschaft ab 1936 innerhalb von 4 Jahren kriegsfähig zu
machen bleibt in der Firmenchronik unerwähnt.
Auf der Düsseldorfer Leistungsschau der deutschen (Kriegs-)Wirtschaft
"Schaffendes Volk" im Jahre 1937 besuchte Adolf
Hitler auch den Pavillon der Firma Henkel. Wenige Tage hatte
die Legion Condor mit der Zerstörung der baskischen Stadt
Guernica die Schlagkraft der deutschen Wehrmacht unter Beweis
gestellt.
Für die Produktion der Wasch- und Reinigungsmittel waren
große Mengen an importierten Fetten und Ölen notwendig. Um
die "Fettlücke" zu schließen, stieg Henkel - neben
dem Aufbau einer Walfangflotte in Norwegen - zur Mitte der
30er Jahre in die Fettindustrie ein. Nachdem Erwerb der Firma
Dehydag in Rodleben, wurden 1935 Anteile an der H. Th. Böhme
AG übernommen. Der Historiker Peter Hayes, dem der Zutritt
zum Henkelarchiv verweigert wurde, vermutet, dass diese
Anteile arisiert wurden.
Die Produktpalette von Henkel gehörte 1939 noch nicht zu
den kriegwichtigen Gütern, die eine bevorzugte Versorgung mit
Rohstoffen und Arbeitskräften ermöglichte. Aber wie es in
der Firmenchronik heißt "hatte Henkel 1940 "die
Umstellung auf die Kriegswirtschaft [...] dank der
sorgfältigen Vorbereitung in Zusammenarbeit mit den
zuständigen Behörden ohne Schwierigkeiten vollzogen"
Anstelle von Persil wurde ab Kriegsbeginn ein
Einheitswaschpulver produziert. Da Henkel sich auf die neue
Situation so schnell einstellen konnte, wurde nach eigenen
Angaben die Friedensproduktion von Persil um ein Vielfaches
übertroffen. Die Ausfuhr von fettlosen Produkten konnte 1940
im Vergleich zu den Vorkriegsjahren gesteigert werden,
"was nicht zuletzt mit den militärischen Operationen der
deutschen Wehrmacht in Westeuropa zusammenhing. Wie zahlreiche
andere deutsche Unternehmen knüpfte Henkel zunächst große
wirtschaftliche Erwartungen an den Krieg[....].Die
Vergrößerung des Reiches im Osten und Südosten, die große
Produktionsmassierung in Düsseldorf und Genthin und der
allgemeine steigende Absatz unserer Produkte lassen es als
angebracht erscheinen, eine Erweiterung unserer
Produktionsbasis nach Beendigung des Krieges vorzusehen",
heißt es in der Firmenchronik. 1940 waren die besiegten
Nachbarstaaten das Objekt der Begierde, so beteiligte sich ein
Vertreter von Henkel im Mai 1940 nach der Kapitulation der
Niederlande an den Plänen bedeutender Konzerne über die
wirtschaftliche Ausbeutung dieses Gebietes und der Aufteilung
der holländischen Werke.
In den ersten Monaten des Jahres 1940 wurde der
Industriereiniger P3 als ein wehrwirtschaftlich wichtiges
Produkt eingestuft, was u.a. zur Folge hatte, dass die
Versorgung mit Phosphaten sichergestellt war, im Folgejahr
wurden weitere Produkte wie die seifenfreie Waschmittel, die
Mersolverarbeitung und die Wasserstoffsuperoxid als
wehrwirtschaftlich wichtig anerkannt. Hugo Henkels Sohn Jost,
seit 1938 Geschäftsführer, wurde zum Wehrwirtschaftsführer
ernannt, mit diesem Titel wurde den Leitern wehrwirtschaftlich
relevaner Betriebe ein quasi-militärischer Status gegeben.
Die Unterstützung der Kriegshandlungen wurden mit
ausreichender Versorgung an Rohstoffen, Arbeitskräften und
Transportmitteln belohnt. Für das Jahr 1943 konstatiert die
Firmenchronik allerdings, dass die Defizite in der
Kriegswirtschaft im Jahre 1943 nicht mehr durch die
"Ausbeutung besetzter Gebiete" kompensiert werden
konnte.
Zwangsarbeit bei Henkel
Nach eigenen Angaben beschäftigte Henkel in Düsseldorf
Holthausen von 1940 bis 1945 durchgängig ausländische
Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene, zunächst in erster Linie
französische Kriegsgefangene und sogenannte Zivilarbeiter aus
Belgien. Henkel hatte schon im ersten Weltkrieg gute
Erfahrungen mit Zwangsarbeitern gemacht.
KZ-Häftlinge seien laut offizieller Seite, die sich auf
die vorhandene Aktenlage stützt, nicht bei Henkel und auch
nicht bei den Töchtern bzw. verbundenen Unternehmen
beschäftigt worden. Nachweisbar sind 4 Lager für
Zivilarbeiter und 1 Kriegsgefangenenlager, welches mit
Stacheldraht umzäunt und von Wehrmachtsposten bewacht war.
Bei den Zivilarbeiterlager gab es auch ein Lager für 75
sowjetische Frauen, d.h. für Ostarbeiterinnen.
Falls deutsche Arbeiter mit den Zwangsarbeiter in
irgendeiner Form solidarisch waren, wurden diese auf der
Stelle entlassen.
Die DAF führte Propagandaveranstaltungen für die
Zwangsarbeiter durch, so auch im August 1944 eine
Veranstaltung mit dem belgischen SS-Sturmbannführer und
Ritterkreuzträger Léon Degrelle, für alle
wallonisch-belgischen Arbeitskräfte galt Anwesenheitspflicht.
In die Zeit der Zwangsarbeiterbeschäftigung fällt auch die
mehrmalige Auszeichnung des Betriebes mit der Goldene Fahne
des nationalsozialistischen Musterbetriebes.
Mindestens drei Menschen haben die Zwangsarbeit bei Henkel
nicht überlebt, ein sowjetischer Zwangsarbeiter wurde von der
Wachtmannschaft bei einem Fluchtversuch erschossen, zwei
weitere Menschen starben infolge des Verzehrens von
Chemikalien, die sie in ihrem großen Hunger vermutlich für
Zucker und Mehl gehalten wurden.
Nachkriegszeit
Hugo Henkel, Jost Henkel, Konrad Henkel und zwei weitere
Familienmitglieder wurden im September 1945 von den Briten
inhaftiert und das Vermögen der Henkel & Cie GmbH wie das
der Töchterfirmen wurden unter allierte Kontrolle gestellt .
Hugo Henkel gehörte zu den 42 Industriellen auf der
Kriegsverbrecherliste des Sonderausschusses des US Senats, des
sogenannten Kilgore Komitees. In dem Bericht des Kilgore
Komitees wird festgestellt: "Die deutschen
Großindustriellen waren von Anfang Förderer des
Nationalsozialismus, die deutsche Schwerindustrie und
Hochfinanz ermöglichte den Nationalsozialisten die
Machtergreifung, und die Umstellung der Wirtschaft auf
Kriegswirtschaft erfolgte unter der unmittelbaren Leitung der
deutschen Industriellen, .... daß durch diese Tatsachen die
Industriellen einwandfrei mitschuldig seien an den
Kriegsverbrechen der Nationalsozialisten".
Im Januar 1947 aber wurden Hugo und Jost Henkel
entnazifiziert. Die Familie Henkel setzte sich bei den Briten
erfolgreich durch, dass die Demontagen in den Jahren 1948 bis
1950 deutlich geringern Umfang hatten, als zuvor geplant. Der
Aufbau des Werkes begann und Henkel entwickelte sich zu einer
international agierenden Firmengruppe. Im Jahre 1951 wurde
Hugo Henkel durch die Universität für Medizin in Düsseldorf
die Ehrendoktorwürde verliehen. Die Stadt Düsseldorf
ernannte Hugo Henkel zum Ehrenbürger.
Gisela Blomberg, Düsseldorf, Dezember 2009 |
Der überwiegende Teil der Zwangsarbeiter waren in Lagern
untergebracht, in Düsseldorf gibt die damalige Gewerbeaufsicht ca.
400 "meldepflichtige" Lager an, dazu gehörten auch 6
Außenkommandos der KZs Buchenwald und Sachsenhausen.(5)
Die Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter aus dem Osten mussten in
den schlimmsten Verhältnissen leben. Ein großer Teil der auf
diesem Friedhof Begrabenen starben im Lazarett des in der Nähe
liegenden Kriegsgefangenenlagers an der Bergischen Landstraße. 1941
wurde es in den stillgelegten Baracken des Truppenübungsplatzes
errichtet. Ein Überlebender, der amerikanische Soldat Frederico
Gonzales aus den USA, dessen Flugzeug über Neuss abgeschossen war,
berichtet, dass an eine Versorgung nicht zu denken gewesen sei. Sein
eigenes Überleben verdanke er den Rationen, die unregelmäßig vom
Roten Kreuz an westliche Kriegsgefangene verteilt wurden. Diese
Rationen wurden aber den Kriegsgefangenen aus dem Osten
vorenthalten, so dass sie in diesem "Lazarett" kaum
Überlebenschancen hatten. Als immer mehr Lagerinsassen starben,
wurden die Toten nicht mehr auf dem Gerresheimer Waldfriedhof,
sondern in Massengräbern begraben. An einem davon stehen wir heute,
an diesem Massengrab hatten sowjetische Lagerinsassen im Mai 1945
zur Mahnung einen Gedenkstein gesetzt.(6)
Dieses anonyme Massengrab - die Namen der Toten werden wir nicht
mehr erfahren - soll uns an die Verbrechen des faschistischen
Deutschlands erinnern, das die Sowjet Union überfiel, weil es der
Wirtschaft nach ihren eigenen Worten "um die ukrainischen
Weizenfelder, um das kaukasische Erdöl, um den Reichtum der Welt
ging".
Nach 1945 hat der Nürnberger Gerichtshof festgestellt, dass die
Zwangsarbeit ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit war,
weitreichende Konsequenzen wurden daraus nicht gezogen
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100
Jahre Kaufhof Düsseldorf
Raub an der Fa. Tietz
2009 feierte die Kaufhauf AG: "100 Jahre Galeria
Kaufhof Düsseldorf Königsallee"
Im Magazin der IHK-Düsseldorf heißt es in der Ausgabe
05/2009 dazu lapidar: "Die Nationalsozialisten
enteigneten, die Familie Tietz emigrierte ins Ausland und
wurde später entschädigt."!
Wer hat denn alles an der "Enteignung" verdient,
wie ging es den jüdischen Mitarbeitern der Leonhard Tietz AG,
was spielte sich im Vorfeld ab? Diese Fragen haben in der
100jährigen Erfolgsstory des "Kaufhof an der Kö"
(Königsallee) keinen Platz.
Die Leonhard Tietz AG betrieb Anfang 1930 43 Kaufhäuser
mit ca. 15.000 Mitarbeiter verteilt, darunter auch seit 1909
das Warenhaus Tietz an der Kö.
Im März 1933 - d.h. einen Monat vor der reichweiten
Boykottaktion gegen Geschäfte mit jüdischen Inhabern -
organisierte Gauleiter Florian in Düsseldorf die ersten
Blockadeaktionen "Kauft nicht bei Juden", so auch
vor dem Kaufhaus Leonhard Tietz an der Kö. Gleichzeitig
kündigten die Hausbanken - allen voran die Dresdner Bank -
der Leonhard Tietz AG die Kredite, ohne die eine
Warenhauskette nicht existieren kann.
Familie Tietz verkaufte gezwungenermaßen ihr Aktienpaket
im Wert von 24 Millionen Reichsmark; zum Kurs von 2,4
Millionen Reichsmark wurde es von den Banken gekauft - ein
Superschnäppchen. Die Familie Tietz musste fliehen, ihren
"Reinerlös" in Höhe von 800.000 Reichsmark durfte
sie aufgrund der Devisenbestimmungen nicht mit ins Ausland
nehmen. Über Holland kam die Familie Tietz nach Palästina,
wo Alfred Leonhard Tietz 1941 im Alter von 58 Jahren starb,
Margarete Tietz hielt sich mit einem kleinen Gästehaus in Tel
Aviv über Wasser.
Aus der Leonhard Tietz AG wurde die Westdeutsche Kaufhof
AG, (bis 1936 mit dem Zusatz vormals Leonhard Tietz AG),
"diskret gemanagt von Commerzbank, Deutscher Bank und
Dresdner Bank". (Johannes Ludwig in DIE ZEIT, 02.04.1993
Nr. 14)
Aber nicht nur die Familie Tietz verlor ihre
Existenzgrundlage, 1933 wurden die jüdischen Auszubildenden
nach Beendigung ihrer Lehrzeit nicht übernommen, bis Ende
1935 wurden alle jüdischen Mitarbeiter erwerbslos.
So verharmlost die Kaufhof AG die Verbrechen der Arisierung
verharmlost und feiert sorglos 100 Jahr Firmengeschichte.
Die gezahlten 5 Millionen DM Entschädigung sind doch nur
Peanuts!
(Dieser Artikel ist mein Leserbrief an die IHK-Düsseldorf,
mit dem Titel "Dann ist ja alles in Ordnung - Herzlichen
Glückwunsch zum 100!", der Leserbrief wurde nicht
veröffentlicht)
Gisela Blomberg, Düsseldorf, Dez. 2009 |
Auch die verdienten Entschädigungen werden den Zwangsarbeiter -
sofern sie überhaupt noch am Leben sind - vorenthalten. Wenn sie
Glück hatten, wurde ihnen ein Bruchteil erstattet. Das Verschleppen
von Entschädigungszahlungen hat eine recht lange Geschichte. Im
Londoner Schuldenabkommen von 1953 wurde vereinbart, dass die
Überprüfung von Forderungen aus dem 2. Weltkrieg, die gegen das
Reich und im Auftrag des Reiches handelnde Stellen und Personen
erhoben wurden, bis zu einem Friedensvertrag zurückgestellt
würden.10 Jahre später entschied der Bundesgerichtshof, dass auch
die IG Farben zu diesem Kreis gehöre, und deshalb die
Entschädigungsforderung eines polnischen Zwangsarbeiters auf jeden
Fall bis zum Abschluss eines Friedensvertrages zurückgestellt
werden müsse. Damit kam die Zahlung von Entschädigungen erst nach
dem 2+4 Vertrag wieder auf die offizielle Tagesordnung. Als
Sammelklagen aus den USA in Höhe von mehreren Hundert Milliarden
Dollar drohten, erklärte sich die deutsche Industrie zur Zahlung
von selbstverständlich möglichst niedrigen Beträgen bereit, unter
der Bedingung, dass keine weiteren Forderungen an sie gestellt
werden können. Die Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft
verlangt von ihren Mitgliedern, dass sie nur 1/1000 eines
Jahresumsatzes einzahlen. Rechtsicherheit für die Wirtschaft, nicht
für die Zwangsarbeiter, konnte letztendlich mit 10 Milliarden DM
eingekauft werden. Beruhigend für die Herren der Wirtschaft ist,
dass der Löwenanteil der Entschädigungen aus staatlichen Mitteln
gezahlt wird, da die von der Wirtschaft geleisteten Zahlungen als
steuerlich relevante Betriebsausgaben gelten und sich so ihr Betrag
auf 2,5 Milliarden DM reduzieren lässt - eine unverschämt geringer
Betrag!(7)
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Mannesmann:
Wachstum durch Rüstung
Wilhelm Zangen – einer
der größten Rüstungsprofiteure
Ausgangspunkt für die Mannesmann Röhrenwerke war das von
den Brüdern Mannesmann Mitte der 80er Jahre des 19.
Jahrhunderts entwickelte Schrägwalzverfahren zur Herstellung
von nahtlosen Stahlrohren. Bei der Vermarktung waren die
Brüder nicht so erfolgreich und wurden bis 1893 von einem
Konsortium unter Führung der Deutschen Bank gänzlich aus dem
Unternehmen verdrängt. Die Deutsche Bank hatte 53% des
Aktienstimmrechtes auf sich vereint, d.h. Mannesmann wurde von
der Deutschen Bank beherrscht. 1893 wurde der Verwaltungssitz
nach Düsseldorf verlegt und 1908 erfolgte die Umbenennung in
die Mannesmann-Röhrenwerke AG. In den Folgejahren entwickelte
sich Mannesmann zu einem im In- und Ausland tätigen
Unternehmen, die nahtlosen Stahlrohre wurden bei dem Bau von
Pipelines, aber auch in der Produktion der Artilleriegeschosse
bei Rheinmetall verwendet. Mannesmann expandierte zu einem
Eisen- und Stahlkonzern mit eigenen Kohlegruben. In den
deutsche Werken waren 1928 21.209 Arbeiter beschäftigt.
Anfang der 30er Jahre übernahm Mannesmann Anteile an andern
Unternehmen, hierzu gehörten auch 20% der Anteile an der
Kronprinz AG für Metallindustrie in (Solingen) Ohligs. Bei
Kronprinz wurden nahtlose und geschweißte Rohre,
Flugzeugteile und Autoräder hergestellt.
Mannesmann nach der Machtübertragung
Die Aufrüstungspolitik des Nazi Regimes führte auch bei
Mannesmann zu einem erneuten Wachstum, stillgelegte Erzgruben
( an Lahn und Dill) konnten wieder ihre Förderung aufnehmen,
1934 wurde in Duisburg-Huckingen der zweite Hochofen in
Betrieb genommen weitere umfangreiche Investitionen in den
Werken und Zechen folgten.
Entwicklung unter Wilhelm Zangen
Am 1. Dezember 1934 wurde Wilhelm Zangen, zuvor im Vorstand
der DEMAG (Deutsche Maschinenfabrik in Duisburg) zusammen mit
Ernst Buskühl zum Vorstandsvorsitzenden von Mannesmann
ernannt. Als im Oktober 1935 Buskühl von Flick zum
Vorstandsvorsitzenden der Harpener Bergbau AG berufen wurde,
blieb Zangen, 43 Jahre alt, der alleinige Vorstandsvorsitzende
mit dem Titel Generaldirektor. Innerhalb der nächsten drei
Jahre sorgte Zangen für eine völlige Neubesetzung des
Vorstands, antisemitische Säuberungen waren auch bei
Mannesmann auf der Tagesordnung.
Arisierung
Mannesmann beteiligte sich in herausragender Weise an der
Enteignung jüdischen Eigentums zum eigenen wirtschaftlichen
Vorteil. Mannesmann arisierte zunächst die Firma "
Wolff-Netter-Jakobi". übernahm ein Drittel des
Aktienpaket der in Essen ansässigen M. Stern AG. 1938
gestaltte sich die Übernahme der Hahnschen Werke als sehr
lukrativ, neben dem Röhren- und Stahlwerk in Großenbaum
gehörten zu der Hahn Gruppe die Kammerich-Werke AG, die
Maschinenfabrik Franz Seiffert & Co.AG und die
Gesellschaft für Hochdruck-Rohrleitungen, die alle in den
Konzern eingegliedert wurden. Die Produktion wurde auf
Breitflachstahl und feuergeschweißte nahtlose Rohre
ausgedehnt und die Erzeugung nahtloser Rohre vergrößert. Die
Kammerich Werke spielten auch eine wichtige Rolle im
Fahrzeugbau. Das Walz - und Preßwerk in Brackwede bei
Bielefeld war mit der ersten vollautomatischen
Vernickelungsanlage des Kontinents ausgestattet. Mit der Franz
Seiffert & Co. hatte sich Mannesmann das ältestes
deutsches Rohrleitungsbauunternehmen angeeignet. Nach
Eingliederung der Hahnschen Werke betrug der Anteil von
Mannesmann an dt. Stahlerzeugung 4%, (2,6% im Jahre 1934), an
der Rohstahlerzeugung Deutschlands im Jahre 1938: 7%, im
November 1938 hatte Mannesmann über 50.000 Beschäftigte. Die
Produktion hat sich im Zeitraum von 1933-1938 verdoppelt.
Wilhelm Zangen als Vorsitzender der RGI und
Wehrwirtschaftsführer
Wilhelm Zangen war auch Aufsichtratsmitglied Deutsche Bank
und Vizpräsident der IHK Düsseldorf. 1938 wurde Zangen vom
Reichsminister für Wirtschaft zum Wehrwirtschaftsführer
ernannt, mit diesem Titel wurde den Leitern von
wehrwirtschaftlich wichtigen Betrieben ein
quasi-militärischer Status gegeben. Von 1938-1945 führte
Wilhelm Zangen die Reichsgruppe Industrie (RGI). Die RGI war
das wichtigste Gremium der Interessensvertretung der deutschen
Industrie, unter Zangen wurde sie umorganisiert und auf die
Kriegsproduktion eingestellt. Die enge Verzahnung zwischen der
Industrie und dem Nazi- Regime manifestierte sich auch in den
RGI-Länderberichten, in denen die Industrie ihre Kriegsziele,
d.h. ihren Führungsanspruch in der Wirtschaft der besetzten
Länder formuliert.
Im Mai 1939 fordert Zangen weitere Anstrengungen der
Wirtschaft zur Unterstützung des faschistischen
Annektionskurses "Die große Politik unseres Führers hat
Deutschland in der Welt ein Stellung eingeräumt, die nicht
ohne günstige Auswirkungen auch für Deutschlands Anteil an
der Weltwirtschaft bleiben kann....Wichtig ist aber, daß ein
Industriestaat wie Deutschland ... für seine industrielle
Leistungsfähigkeit Ausgleichsmöglichkeiten in einem
entsprechenden agrarischen Wirtschaftsraum findet....Auch für
diesen Zweck sind ungeheure Aufgaben zu erfüllen, die in der
ständigen Förderung unserer Wehrmacht und ihrer
wirtschaftlichen Erfordernisse begründet sind"
Wilhelm Zangen gehörte zu den wenigen Vertretern der
Industrie, die 1942 der Reichsminister für Bewaffnung und
Munition, Albert Speer, in den Rüstungsrat berief. Über
diesen Rat sollte die Zusammenarbeit mit dem Ministerium
intensiviert, d.h. die Kriegsproduktion effektiver gestaltet
werden.
Ab Mitte 1944, als es sich die Niederlage immer mehr
abzeichnete, beschäftigte sich die RGI intensiv mit den
Planungen für die Nachkriegszeit.
Kriegsproduktion
Die Rohrproduktion für Rüstungsgüter ging unverändert
weiter. Unverzichtbar waren die Mannesmannrohre für die
Produktion von Hülsen und Rohlingen großkalibriger Geschosse
und Bomben. In der Firmenchronik wird die Präzisonsarbeit bei
der Herstellung nahtloser Bomben, durch die sich die
Aerodynamik und die Zielgenauigkeit wesentlich verbesserte,
lobend hervorgehoben.
Hochfeste Dickwandrohre wurden als Mantelrohre der
Flakgeschütze und in der Panzerabwehr eingesetzt.
Die dünnwandigen Rohre, die in Rath produziert wurden,
wurden sehr erfolgreich in den Transportflugzeugen für den
Nachschub der Wehrmacht eingesetzt. Mannesmann lieferte u.a.
auch die Stahlflaschen für das Kohlenmonoxidgas der Firma IG
Farben, das in der Vernichtungsanstalt Grafeneck angewandt
wurde.
Ausbeutung der annektierten Gebiete
Mannesmann gehört auch zu den Treuhändern der
lothringischen Montanindustrie. Treuhänderschaft bedeutete,
dass alle Rechte der bisherigen Eigentümer erloschen und auf
die Treuhänder übergingen, d.h. die Treuhänder konnten
Gegenstand, Rechtsform der Unternehmen ändern, konnten diese
auch liquidieren, verkaufen oder schließen. Die
Treuhänderschaft war das beste Mittel zur
Eigentumsübertragung. Jüdisches Eigentum konnte sofort
enteignet werden, Umwege über eine Treuhänderschaft waren
völlig unnötig.
Die Presswerke des niederländischen Konzerns van Leer
wurden von Mannesmann arisiert. Ein weiteres Ziel war die
Beherrschung der Prager Eisen-Industriegesellschaft, darüber
hinaus expandierte Mannesmann in Frankreich, Bulgarien,
Serbien Rumänien, Ungarn, Polen. Mannesmann erhielt die
Patenschaft über die Hütte Taganrog in Taganrog/UdSSR, diese
kann aufgrund des Überlegenheit der Roten Armee nicht lange
gehalten werden. In den letzten Stunden vor der Räumung
werden die Produktionsanlagen im Rahmen der Möglichkeiten
zerstört.
Zwangsarbeit
Bis Ende 1944 gab es mindestens 8.220 Zwangsarbeiter und
Kriegsgefangene, die bei Mannesmann unter schwersten
Bedingungen bis aufs Letzte ausgebeutet wurden.
Für Düsseldorf sind drei größere Lager nachgewiesen,
für deren Bewachung die Wehrmacht oder der bewaffnete
Werkschutz zuständig war.
Einer der Hauptprofiteure
Mannesmann gehörte zu den Hauptprofiteuren des
Naziregimes. Betrug 1933 der Umsatz 88,7 Mio Reichsmark so
schnellte er 1943 auf 466 Mio Reichsmark. Im gleichen Zeitraum
stieg der Gewinn nach Sonderabschreibungen überproportional
von 11,3 Mio auf 83,6 Reichsmark.
Zum 50. Firmenjubiläum wurde am 01.07.1940 das damalige
Berger Ufer in das Mannesmannufer umbenannt, dieser
Straßenname hat bis heute seine Gültigkeit.
Nach Kriegsende
Wilhelm Zangen gehörte zu den 42 Industriellen auf der
Kriegsverbrecherliste des Sonderausschusses des US Senats, des
sogenannten Kilgore Komitees. In dem Bericht des Kilgore
Komitees wird festgestellt: "Die deutschen
Großindustriellen waren von Anfang Förderer des
Nationalsozialismus, die deutsche Schwerindustrie und
Hochfinanz ermöglichte den Nationalsozialisten die
Machtergreifung, und die Umstellung der Wirtschaft auf
Kriegswirtschaft erfolgte unter der unmittelbaren Leitung der
deutschen Industriellen, .... daß durch diese Tatsachen die
Industriellen einwandfrei mitschuldig seien an den
Kriegsverbrechen der Nationalsozialisten".
Aber auch Zangen konnte seine Entnazifizierung durchsetzen
und kehrte zu Mannesmann zurück, von 1948 bis 1957 war er
Mitglied des Aufsichtsrats. 1958 wurde ihm die
Ehrendoktorwürde durch die Universität Mainz verliehen und
1965 wurde Zangen mit dem Bundesverdienstkreuz mit Stern hoch
dekoriert.
Die Widerstandskämpferin Tilde Klose, die bei Mannesmann
als Auslandskorrespondentin arbeitete und in der
antifaschistischen Betriebsgruppe tätig war, wurde 1933
festgenommen, später nach Ravensbrück verschleppt und in
Bernsburg ermordet.
Gisela Blomberg, Düsseldorf, Dezember 2009 |
Der Wirtschaftshistoriker Thomas Kuczynski berechnet in seinem
1999 für die Anwälte der Zwangsarbeiter angefertigten Gutachten
die Summe der zu zahlenden Entschädigungen auf 180 Milliarden DM ,
d.h. ca. 12.000 DM wurden durchschnittlich jedem Zwangsarbeiter als
Lohn vorenthalten.
Das Gutachten wurde bei den Verhandlungen erst gar nicht
verwendet, da selbst die Anwälte der Zwangarbeiter diese Summe für
politisch nicht durchsetzbar hielten. In neueren Berechnungen kommt
Kuczynski auf einen Betrag von 228 Milliarden, d.h. der
ausgehandelte Betrag von 10 Milliarden DM beträgt gerade mal 4,4 %
des eigentlichen Lohnausfalls und nur um den geht es bei den
Entschädigungen.
Wie schafft man es, die berechtigte Summe um 218 Milliarden zu
reduzieren?
Nach Herausrechnung aller Toten, aller Kriegsgefangenen, aller
Land- Kommunal- oder Hausarbeitskräfte, die keine Ansprüche auf
Entschädigungen haben, blieben 1,3 Mio. Zwangsarbeiter mit
berechtigten Ansprüchen übrig. Von diesen sollten aber nur 130.000
überlebende Lagerinsassen den vollen Betrag von 15.000 DM bekommen,
die Mehrheit muss sich mit etwa 1/3 dieses Betrages zufrieden
geben.(8)
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Vereinigte Stahlwerke im
Zentrum der NS-Wirtschaft
Das Reich der Thyssen,
Vögler, Poensgen, Sohl
Sitz: Neuer Stahlhof, Breite Straße 69
Im Januar 1926 schlossen sich führende Werke der
Schwerindustrie (die Thyssen-Gruppe (Anteil 26 %), die
Phönix-Gruppe (Anteil 26 %), die Rheinischen Stahlwerke
(Anteil 8,5 %), das Rheinelbe-Unternehmen, die
Deutsch-Luxemburgische Bergwerks- und Hütten-AG, der Bochumer
Verein und die Gelsenkirchener Bergwerks-AG) zu den
Vereinigten Stahlwerken (abgekürzt Stahlverein/VESTAG). In
den 30er Jahren waren die VESTAG einer der größten deutschen
Konzerne, zeitweise auch Europas größter Stahlkonzern.
Führende Männer der VESTAG waren schon vor 1933 eng mit
der NSDAP verbunden, und die VESTAG spielte eine wesentliche
Rolle bei der Finanzierung der NSDAP (allein 1932: 500.000
Reichsmark) und in späteren Jahren bei der Aufrüstung. Die
Hausbank der VESTAG war die Steinbank des Bankiers Karl von
Schröder, eines der wichtigsten Förderer der NSDAP, in
dessen Villa im Januar 1933 das der Machtübertragung an
Hitler vorausgegangene Treffen zwischen Papen und Hitler
stattgefunden hatte. Die guten Beziehungen zum NS-Regime
zahlten sich für die VESTAG aus. 1932 hatte die
Reichsregierung unter Brüning ein Aktienpaket von Flick an
der Gelsenkirchener Bergwerks AG, die auch zu den VESTAG
gehörte, zu überhöhten Preisen gekauft. Als im November
1933 und im März 1936 die Reprivatisierung anstand, konnten
die VESTAG einen Gewinn in Höhe von 33 Millionen Reichsmark
auf Kosten des Staates verbuchen.
Als dominanter Konzern in der Montanindustrie waren die
Manager in allen wichtigen Gremien vertreten, nahmen
wesentlichen Anteil an der Aufrüstung und der
Kriegswirtschaft.
Zu diesen gehören u.a.:
Fritz Thyssen
Der erste Aufsichtsratsvorsitzende war Fritz Thyssen, schon
früh ein Finanzier der Nazis, wie er sich selbst 1940 in
seinem Buch "I Paid Hitler" darstellt. 1931 trat
Thyssen in die NSDAP ein. Als Hitler am 26.01.1932 von
führenden Industriellen in den Düsseldorfer Industrieclub
einladen war, hielt Fritz Thyssen die Eröffnungsrede. Thyssen
war für die Zerschlagung der Arbeiterbewegung und den Krieg
gegen die UdSSR, nicht aber für den Krieg gegen die
Westmächte. Nach seiner Emigration nach Frankreich wurde er
durch die GESTAPO an Deutschland aufgeliefert und unter
Bedingungen der Ehrenhaft interniert. Nach dem Krieg wurde
Thyssen entnazifiziert und hielt sich bis zu seinem Tod im
Jahre 1951 in Argentinien auf
Albert Vögler
Der 1. Vorstandvorsitzender 1935 Albert Vögler, in dieser
Funktion blieb er bis 1935, anschließend war Vögler Mitglied
im Aufsichtsrat. Wenn Vögler auch Mitglied der DVP war,
setzte er sich ab 1930 zusammen mit Fritz Springorum (Hoesch
AG) vehement für die finanzielle Förderung der NSDAP ein,
besonders im Wahlkampf vom Februar 1932. Vögler war u.a.
Mitglied der Ruhrlade (Interessenvertretung der mächtigsten
Ruhrindustriellen) und des Keppler Kreises, auch Freundeskreis
Himmler genannt .Der Keppler Kreis, der die enge Beziehung
zwischen Industriellen und NSDAP verdeutlicht, initiierte u.a.
Industrielleneingabe vom 19. Nov. 1932 (Brief an Hindenburg
zur Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler). Vögler hat
diese Industrielleneingabe zwar nicht unterschrieben hat, es
ist jedoch nachgewiesen, dass er sie befürwortet hat.
Nach der Machtübertragung entwickelte Vögler gute
Beziehungen zu Fritz Todt, dem Generalinspekteur für das
Strassenwesen, damit einer der Verantwortlichen für die
Aufrüstung. Ab 1940 bis zu seinem Tod im Februar 1942 war
Todt Reichsminister für Bewaffnung und Munition, sein
Nachfolger war Albert Speer.
Vögler wurde Generalbevollmächtigter des Reichsministers
für Bewaffnung und Munition und war für die Rüstungs- und
Kriegsproduktion im Ruhrgebiet zuständig. Dazu gehörte auch
die schnelle Wiederingangsetzung der Produktion nach
Bombenangriffen. Kriegziel war die Vernichtung der UdSSR und
die anschließende Neuordnung des europäischen
Großwirtschaftsraumes.
Bei seiner Festnahme durch GIs im Februar 1942 beging
Vögler Suizid..
Ernst
Poesngen
Bei Gründung der VESTAG wurde Ernst Poensgen, der die
Phönix AG in die VESTAG einbrachte, zweiter
Vorstandsvorsitzender und 1935 löste er Vögler als ersten
Vorsitzenden ab.
Poesngen war Mitglied im Düsseldorfer Industrieclub und
war anwesend, als Hitler am dort 26.01.1932 seine Rede hielt.
Als einer der führenden Ruhrindustriellen war Poensgen u.a.
Mitglied in der Ruhrlade und im Langnamverein.
Poensgen war auch erster Vorsitzender des Vereins für die
Durchführung der Reichsausstellung Schaffendes Volk, die von
Mai bis Oktober 1937 in Düsseldorf stattfand. Diese
Ausstellung -in enger Zusammenarbeit mit dem
Propagandaministerium durchgeführt - sollte die
Leistungsfähigkeit der deutschen Industrie und damit auch der
Kriegsmaschinerie zeigen. Nur wenige Tage vor der
Ausstellungseröffnung hatte die Legion Condor die baskische
Stadt Guernica zerstört. In demselben Jahr wurde Poensgen zum
Wehrwirtschaftsführer durch das Oberkommando der Wehrmacht (OKW)
zum Wehrwirtschaftsführer bestellt, den Leitern von
wehrwirtschaftlich wichtigen Betrieben wurde ein
quasi-militärischer Status gegeben. (Nach 1938 erfolgte die
Ernennung zur Wehrwirtschaftsführern durch das
Reichsministerium für Wirtschaft). Poensgen war mit der
Gründung der Reichswerke Herman Göring nicht einverstanden,
aber 1938 kam es im Stahlhof zu einer Einigung, dass die
Reichswerke keine Konkurrenz zur Privatwirtschaft darstellen
sollten. Poesngen war auch Mitglied des Beirats und des
Großen Beirats der Reichsgruppe Industrie und Leiter der
Wirtschaftsgruppe Eisenschaffende Industrie innerhalb der
Reichsgruppe Industrie, der zentralen Organisation der
Großindustrie für die Kriegszielplanung.
Im Jahre 1941 wurde an Poesngen durch den
Reichswirtschaftminister Funk für seine Verdienste in der
Rüstungsindustrie mit dem "Adlerschild des Deutschen
Reiches" des Jahres 1941 ausgezeichnet. In diesem Jahr
wurde in Düsseldorf die Ronsdorfer Straße in
Ernst-Poensgen-Alle umbenannt.
Im Jahr 1942 wurde Ernst Poensgen von Albert Speer,
Reichsminister für Bewaffnung und Munition, in den
Rüstungsrat berufen. Im Oktober 1943 wechselte der 72
jährige Poensgen in den Aufsichtsrat der VESTAG.
Nach Kriegsende gab es einen britischen Fahndungsbefehl
gegen Poensgen, er wurde aber - aufgrund von Krankheit und der
Tatsache, dass er Entlastungszeugen stellen konnte, nicht
angeklagt. Poensgen starb 1949 in der Schweiz.
Am 29.09.1950 wurde aus der Ernst Poensgen Allee wieder die
Ronsdorfer Straße, allerdings heißt seit dem 14.12.1951 die
Stadtwaldstraße - zahlreicher Protestaktionen zum Trotz - bis
heute Ernst Poensgen Allee.
Hans-Günther
Sohl
Hans-Günter Sohl trat 1933 in die NSDAP ein, beruflich war
er seit 1933 verantwortlich für die Rohstoffbeschaffung bei
Krupp.
Am 1.10.1941 wurde Sohl in den Vorstand der VESTAG berufen,
2 Jahre später avancierte Sohl zum stellvertretenden
Vorstandsvorsitzenden. 1942 war Sohl zum
Wehrwirtschaftsführer ernannt worden.
Nach 1945 wurde Sohl für 18 Monate interniert, danach ging
Sohls Karriere steil weiter:
Von 1953 bis 1969 war Sohl Vorstandsvorsitzender der
Thyssen AG (Nachfolgegesellschaft der Vereinigten Stahlwerke).
Von 1956 bis 1969 war Vorsitzender der Wirtschaftsvereinigung
Eisen- und Stahlindustrie und von 1972 bis 1976 Vorsitzender
des BDI, Straße.
Am 29.04.1991 wurde in Düsseldorf eine Straße nach
Hans-Günther Sohl benannt.
Herbert L.W. Göring
Herbert L.W. Göring, ein Vetter von Hermann Göring war
für die VESTAG Mitglied im Südostausschuss der Reichsgruppe
Industrie (RGI- Zentrale Kriegswirtschaftsorganisation der
Industrie). Aufgabe dieses wichtigen Ausschusses war die
Vereinheitlichung der Industriepolitik d.h. der Ausbeutung
Südosteuropas.
Die VESTAG waren an der Ausbeutung der annektierten Gebiete
beteiligt und plazierte ihre Vertreter als Treuhänder für
Unternehmen, deren Inbesitznahme für die Zeit nach dem Kriege
geplant war. Treuhänderschaft bedeute, dass alle Rechte der
bisherigen Eigentümer erloschen und auf die Treuhänder
übergingen, d.h. die Treuhänder konnten Gegenstand,
Rechtsform der Unternehmen ändern, konnten diese auch
liquidieren, verkaufen oder schließen. Die Treuhänderschaft
war das beste Mittel zur Eigentumsübertragung. Jüdisches
Eigentum konnte sofort enteignet werden, Umwege über eine
Treuhänderschaft waren völlig unnötig.
Manager der VESTAG wurden z.B. zu Treuhänder von
gewinnträchtigen Erzgruben in Lothringen, in Luxemburg, in
Norwegen und besonders auch für Kohlegruben und Stahlhütten
in der Ukraine.
In den Niederlanden sicherten sich die VESTAG eine
vierzigprozentige Beteiligung an der Koninlijke Nederlandsche
Hoogovens an Stahlfabrieken N.V. und übernahmen nach der
Arisierung das Walzwerk der Walz- und Pressbetriebe Van Leer.
In den Betrieben der Vereinigten Stahlwerke wurden unter
unmenschlichen Bedingungen Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene
beschäftigt, für Düsseldorf sind allein drei Lager
nachgewiesen. So geht aus Unterlagen der Vereinigten
Stahlwerke hervor, dass Poensgen 1942 dem Gesamtvorstand über
die "Leistungsergebnisse beim Einsatz sowjetischer
Arbeitskräfte" in der Gelsenkirchener Bergwerks-AG
berichtet hatte. Aus 1943 stammt ein Rundschreiben zu
"Rationskürzungen bei disziplinwidrigem Verhalten
ausländischer Arbeiter".
Nach Kriegsende wurden die Vereinigten Stahlwerke
aufgelöst, bereits 1951 gab es mehrere Nachfolgeunternehmen.
Mit dem Zusammenschluß zur ThyssenKrupp AG ist im Jahr 1999
Deutschlands größtem Stahl- und Rüstungskonzern entstanden. |
Die Mitgliederliste der Stiftungsinitiative(9), nahezu alle heute
bekannten Konzerne sind vertreten, zeigt das Ausbleiben einer
durchgreifenden Entnazifizierung und demokratischen Umgestaltung der
alten Macht- und Besitzverhältnissen im Westen. Die
imperialistischen Kriegstreiber, die Hitler zur Macht verhalfen und
Milliardengewinne durch die Zwangsarbeit und Ausplünderung der
besetzten Gebieten machten, dabei den Tod von Millionen von Menschen
in Kauf nahmen, waren spätestens mit der Gründung der
Bundesrepublik wieder im Geschäft.
Zu bemerken sei noch, der Beitritt zur Stiftung geschieht ganz
freiwillig und gilt nicht als Eingeständnis der Kollektivschuld der
deutschen Wirtschaft.
Firmen, die nicht um ihr Ansehen im Ausland besorgt sind,
brauchen ihr erst gar nicht beizutreten und wie auch der
Millionenerbe und Kunstsammler Friedrich Christian Flick, dessen
Vermögen zu einem großen Teil aus der Ausbeutung der bei Flick
beschäftigten 50.000 Zwangsarbeiter, von denen 10.000 nicht
überlebten, stammt - ganz in der Tradition seines Großonkels
Friedrich Flick, der in seinem Schlusswort vor dem Nürnberger
Kriegsverbrecherprozess sagte: "Nichts wird uns davon
überzeugen, dass wir Kriegsverbrecher waren".(10) Erst
aufgrund öffentlichem Drucks hat jetzt Flick der Stiftung eine
Spende in Höhe von 5 Mio Euro für zusätzliche humanitäre
Leistungen gemacht. In einer Presseerklärung der Stiftung vom
22.04. dieses Jahres heißt es: dass Herr Flick mit dieser Spende
das Schicksal der ehemaligen Zwangsarbeiter würdigen und ihnen
seine tiefen Respekt und sein Mitgefühl zum Ausdruck bringen
möchte, von Schuld ist selbstverständlich nicht die Rede.(11)
Grundlegende Veränderungen in den Eigentumsverhältnissen
konnten im Westen nach 1945 nicht durchgesetzt werden, so erleben
wir täglich, dass das kapitalistische System keine Lösung für die
Mehrheit der Bevölkerung ist; im Gegenteil - einher mit einer
großen Arbeitslosigkeit geht der reaktionäre Sozialabbau und unter
dem Vorwand der Terrorbekämpfung werden demokratische Rechte
eingeschränkt. Auslandseinsätze der Bundeswehr gehören zur
Normalität. Die Neo Nazis können wieder unter Polizeischutz
marschieren, erst in den letzten Wochen wurden zwei Menschen, die
ihnen mutig entgegentraten, kaltblütig ermordet.
Zusammen mit allen demokratischen und antifaschistischen Kräften
müssen wir uns gegen diese Entwicklung wehren!
Nie wieder Faschismus - nie wieder Krieg!
(1) Zwischen den Mühlsteinen. Zu einigen Hintergründen der
Verhandlungen über Entschädigungen für Zwangsarbeit. Von Thomas
Kuczynski, in Junge Welt v. 03.06.2000
(2) Zwangsarbeiter schufen den Aufschwung in der BRD. Der Osten
war schon damals der Verlierer. - Ein Gespräch mit Herbert Schui.
Junge Welt vom 21.09.2004
(3) Gut Genug für den Arbeitseinsatz: Zwangsarbeiter und
Kriegsgefangene. In: Augenblick. Berichte, Informationen und
Dokumente der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf, Nr. 3, 1992 S. 4
(4) Zwangsarbeiter in der Stadt Düsseldorf. Langsam kommt Licht
in ein dunkles Kapitel. Hrsg. Stadtarchiv Düsseldorf, XI/00 -10.
o.J. S. 15-16
(5) Lager und Haftstätten in Düsseldorf in der Zeit des Dritten
Reiches, in Augenblick, Nr. 1992 S. 5
(6) Ein Stein kommt ins Rollen. Spuren sowjetischer
Kriegsgefangener auf dem Gallberg in Düsseldorf-Gerresheim, in
Augenblick, Nr. 1992 S. 16-19
(7) Thomas Kuczynski: Zwangsarbeit: das würdelose Gezerre auf
Kosten der Opfer. ...und die nahezu vollständige Abwesenheit
antifaschistischen Bewusstseins in der deutschen Bevölkerung in:
Junge Welt vom 22.05.2001
(8) Die letzte Beleidigung. Brosamen am Herrentisch.
Hintergründe der Entschädigungszahlungen an die im zweiten
Weltkrieg nach Deutschland verschleppten Zwangsarbeiter. Teil II:
Historische Realität und aktuelle Berechnung. Aus einer
Neuerscheinung von Thomas Kuczynski, in Junge Welt vom 16.11.2004
(9) veröffentlicht auf der Website der Stiftungsinitiative der
deutschen Wirtschaft "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft
(10) Von Flick zu Flick und zurück. Kleine Skandalchronik: Wie
eine deutsche Familie reich wird und reich bleibt, in Junge Welt v.
20.09.2004
(11) Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft"
Pressemitteilung 04/2005 v. 22.04.2005
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